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Die letzten 1150 Jahre - Versuch eines Rückblicks

Ostramondra liegt in einer landschaftlich schönen Gegend am Südhang der Höhenzüge “Finne“ und “Hohe Schrecke“, ca. 25 km nördlich von Weimar. Die Gegend ist waldreich, die Böden und Weiden sind fruchtbar. So ist es kein Wunder, dass der Landstrich bereits seit ca. 6000 Jahren besiedelt ist. Zahlreiche Funde bei Ausgrabungen belegen das.

Unser Ort wurde in der aktuellen territorialen und kommunalen Einheit im Jahre 1938 auf administrativem Wege aus den beiden nebeneinander liegenden Dörfern Ostramondra und Rettgenstedt gebildet.

Nach der Urkundenlage ist der ehemalige Ortsteil Rettgenstedt der ältere Teil des Dorfes.

Im Jahre 860, so ist es beurkundet, schenkte ein gewisser “Hoholt“ der Abtei Fulda 40 Morgen Land in Ratingestete, wie Rettgenstedt zur damaligen Zeit genannt wurde.

Egal, wie Rettgenstedt im Wandel der Zeiten geheißen haben mag, über eines sind sich die Historiker einig, in Ratingestete befand sich auf dem heutigen Gartenberg eine altgermanische Thingstätte, die dem Ort seinen Namen gab.
Der Ortsteil Ostramondra wurde im Jahre 1120 erstmals urkundlich erwähnt.

Über das frühe Mittelalter bis hin zum 16. Jahrhundert ist wenig bekannt. Die Lehensherren wechselten wiederholt und das Volk litt unter den ständig größer werdenden Abgaben an die geistlichen und weltlichen Herrscher.

Ein Chronist dieser Zeit, Sebastian Müller, schrieb vermutlich um das Jahr 1500 in der „Geschichte des Sächsischen Hochlandes“ über das Leben des gemeinen Volkes folgendermaßen:

  • Lesen Sie hier die ausführliche Darstellung
    • “Sie führen ein schlechtes Leben. Ihre Häuser sind schlechte Häuser von Lehm und Holz, auf das Erdreich gesetzt und mit Stroh gedeckt. Ihre Speise ist schwarzes Roggenbrot, Haferbrei oder Erbsen und Linsen, ihr Trunk Wasser mit Molken. Ein zwielich Gippen (Stoffkittel) zwei Bundschuh und ein Filzhut ist ihre Kleidung. Die Leute hängen der Arbeit früh und spät an. Ihre Herren müssen sie durch das ganze Jahr dienen, das Feld bauen, säen, die Frucht schneiden und in die Scheuer führen, Holz bauen und Garben machen. Da ist nichts, das das arme Volk nicht tun muss und nicht aufschieben darf bei allem Verlust, den es selbst dabei hat.“

Eine Beschreibung, die auch auf die frühen Vorfahren in unserem Ort gelten dürfte. Genaues wissen wir nicht.

Der Bauernkrieg und der 30jährige Krieg, knapp 100 Jahre danach, haben in unserem Dorf wahrscheinlich keinen direkten Schäden gebracht. Die Schweden, die in Kölleda ihr Unwesen trieben, sind südlich vorbei gezogen. Es war eben zu abgelegen. Opferzahlen durch Seuchen, wie die Pest, sind nicht bekannt. Lediglich ein schlichter Eintrag in der Ostramondraer Chronik erwähnt die Pest im Jahre 1682. In der von Rettgenstedt hingegen findet sich kein vergleichbarer Eintrag. Das ist bei der räumlichen Nähe beider Orte zumindest verwunderlich.

Die Bewohner unseres Heimatortes haben sich bald nach der Reformation zum evangelischen Glauben bekannt. Es gab bedingt durch die 2 Orte schon immer mehrere Kirchen. Lesen Sie dazu auch unter dem Menüpunkt “Kirchen“.

Ab dem 17/18. Jahrhundert werden die Aufzeichnungen in den Chroniken regelmäßiger. Auf die wesentlichen Dinge reduziert, Mittelpunkt im Leben der Menschen war der Kampf um das tägliche Brot. Im Ortsteil Ostramondra war des Leben hauptsächlich durch das Rittergut und dessen aktuelle Besitzer dominiert. Sie waren im Verein mit den Pastoren diejenigen, die über "Gut und Böse" bestimmen durften. Im Ortsteil Rettgenstedt waren die Verhältnisse scheinbar "freier", wenn man für die Bewertung Stil und Thematik der beiden Ortschroniken heran zieht.

Die Menschen der damaligen Zeit trafen Wetterkapriolen mehr als uns. Extrem lange und kalte Winter und/oder nasse Sommer führten nicht selten zu Missernten und Hungersnöten.

Wenn auch unsere Region von direkten kriegerischen Auseinandersetzungen verschont blieb, so litten doch die Menschen unter kriegerischen Auseinandersetzungen, die mit hohen Abgaben, Zwangsrekrutierungen und Einquartierungen durchziehender Truppen, aber auch Plünderungen einher gingen.
Dieses Kapitel hatte zu Beginn des 19. Jahrhunderts mit Napoleons Feldzügen einen traurigen Höhepunkt.

  • In der Chronik von Rettgenstedt findet man u.a. dazu
    • ....Im Herbst war die große Schlacht gegen die Franzosen bei Leipzig. Die Franzosen sind gänzlich geschlagen worden. Sie sind nach Frankreich geflohen, haben aber geplündert und geraubt, was sie nur erwischen konnten. Viele Dörfer wissen davon zu erzählen. Auf der Flucht sind die Franzosen verfolgt worden von den Preußen und den Russen, und die waren nicht besser wie die Franzosen. Es hatten sich in der Schenke die Männer versammelt, um über den Krieg Neuigkeiten zu erfahren. Da kamen ganz plötzlich und unerwartet die Baschkiren herein. Sie verlangten Wodka, was Brandwein ist und waren wilder wie die Franzosen. Die Männer mußten ihre Stiefeln oder Schuhe aus Leder ausziehen, die allesamt geraubt worden sind. Die Franzosen nahmen das Brod, hölten es aus und zogen die Rinde als Schuhe an, die Russen raubten uns gleich die Schuhe...

Auch unsere Ortschaften blieben von Feuersbrünsten nicht verschont. Am 20. August 1798 stand die Bonifatiuskirche in Folge eines Blitzschlages in Flammen. Man könnte eine lange Liste von Bränden aufführen, die sich in beiden Ortsteilen über die Jahrhunderte ereigneten und bei denen viele Häuser, Ställe und Scheunen vernichtet wurden. Sicher waren viele davon dem notwendigen Umgang mit Licht und offenem Feuer geschuldet, aber eben nicht immer, denn schließlich gab es ja auch damal so etwas wie eine Brandkasse. Nach 1824 hat es 22 mal in Folge in Ostramondra gebrannt. Erst als die Brandkasse nicht mehr zahlte, hörten die Brände endlich auf..

Ein Ereignis aus dem Jahre 1730, geschehen in Ostramondra, soll nicht unerwähnt bleiben. Nicht weil es so bemerkenswert und positiv ist, sondern weil diese Art von Gerichtsbarkeit aus dem Mittelalter stammend, kaum bekannt ist und damit eine historische Bedeutung erlangt. Ein des Kindesmordes überführtes Ehepaar wurde zum Tode verurteilt und mit Zustimmung der zuständigen geistlichen und weltlichen Herrscher durch "Säckung" hingerichtet. Die Art der Hinrichtung hatte die Universität Leipzig bestimmt.


  • in der Chronik von Ostramondra lesen wir dazu (stark gekürzt)
    • Der Paulsteich war der Schauplatz des letzten Ortes der Ostramondra Tragödie....Tags vor der Hinrichtung war hier das hochlöbliche Zimmerhandwerk aus Kölleda samt seinem Innungsmeister tätig gewesen, ein ansehnliches Gerüst im Wasser aufzurichten. Dem Preis nach, es kostete nach dem vorhandenen Rechnungsbeleg 10 Gulden und 1 Tonne Bier, muß das Schafott ein solider Bau gewesen sein, auch legte der Kölledaer Scharfrichter Wert darauf, nach der Exekution außer seiner Taxe das Holz davon noch zu erhalten.
      Viele neugierige Menschen umsäumten den Teich. Sie drängten sich um die bevorzugten Plätze....
      Die armen Opfer, die gewiß vom bisherigen Verlauf des Inquisitionsaktes bereits halbtot waren, wurden nun getrennt in einen Sack gesteckt, wobei jedes noch einen Hund, einen Hahn, eine Schlange und eine Katze dazu erhielt, vom Gerüst aus in den Paulsteich hinabgelassen und ertränkt.
      Die Exekution hatte der Gemeinde einen Aufwand von 130 Talern gebracht... 

1815 wurde der Kreis Eckartsberga, zu dem unsere Orte gehörten, dem Preußenkönig zugeschlagen. Das war der Zeitpunkt für den Beginn moderner Verwaltungsstrukturen. Damit war auch endgültig Schluss mit der Leibeigenschaft, die in Preußen 1810 abgeschaft worden war.

1837 begann in Ostramondra die Separation (Flurbereinigung) und dauerte ca. 10 Jahre. Das war der entscheidende Schritt, weg von der Handtuch- und 3 Felderwirtschaft. 

Die revolutionären Auseinandersetzungen 1848 gingen auch an Ostramondra/Rettgebstedt nicht vorbei. 21 Aufständler wurde verhaftet und z.T. zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt.

1863 schließlich entband der damalige Gutsherr Schubert seine Untertanen gegen Zahlung von 500 Talern von der Fron bis in alle Zeiten.

Über den Rest des Jahrhunderts ist wenig von Belang zu berichten. Der Ausbau der kommunalen Infrastruktur begann. Die Bahnlinie Laucha-Kölleda wurde geplant, gebaut und 1914 in Betrieb genommen. 
1909 schließlich gingen in Ostramondra die elektrischen Lichter an. Das neue Zeitalter hatte begonnen.

Es dauerte nicht lange. Für Kaiser, Volk und Vaterland galt es in den Krieg zu ziehen und dem sich entwickelnden Großkapital Absatzmärkte und Rohstoffquellen zu sichern. Das Denkmal der gefallenen von Ostramondra trägt 24 Namen, das von Rettgenstedt ?. Es folgten Inflation, Weimarer Republik, Weltwirtschaftskriese und die "Braunen Rattenfänger". Und wieder gingen viel, zu viele, auch Ostramondraer, ihnen auf den Leim und junge Menschen mussten Ihr Leben geben für Interessen, die nicht die ihren waren. 57 Namen füllen die Gedenktafel. Wir leben hier in Mitteleuropa nunmehr fast 70 Jahre in Frieden, etwas, das den Menschen in unserer Region in den 1150 Jahren des Rückblicks nie vergönnt war.